Kapitalmarktbericht zum zweiten Quartal 2020

Die neue Normalität

    Capital Market Report Q2 2020 - English -

Geht es Ihnen auch so? Trotz Corona kehrt in unser Leben wieder etwas mehr Normalität zurück. Alte, Gewohnheiten und Verhaltensmuster ziehen wieder in den Alltag ein. Dennoch bestimmen weiterhin neue Regeln unser Handeln – eine Art „neue Normalität“. So sieht es anscheinend auch der Kapitalmarkt.

Nach einem fatalen ersten Quartal für Aktien, folgte ein steiler Aufstieg im zweiten Quartal mit Wertzuwächsen von über 20%. Gesamt betrachtet bleiben Aktien seit Jahresbeginn aber noch überwiegend schwach. Grafik 1 zeigt uns, wie die großen deutschen und internationalen Aktienindizes nicht nur in der Performance in Mitleidenschaft geraten sind. Die Volatilität hat sich in den ersten sechs Monaten nahezu verdoppelt. Der Technologiebereich schnitt in diesem Umfeld noch am besten ab. Digitalisierung hat durch Corona nochmal einen großen Schub erhalten.

Gesamtwirtschaftlich bewegen wir uns weiterhin in einem sehr schwierigen und in dieser Art auch völlig anderem Kontext als vor der Coronakrise. Weltweit bemühen sich die einzelnen Volkswirtschaften und damit verbundenen Notenbanken den durch COVID-19 ausgelösten wirtschaftlichen Flächenbrand zu löschen. Die Verschuldung einzelner Länder wächst dadurch in neue Rekordhöhen, ebenso wie die Ausweitung der Notenbankbilanzen. In den USA hat die FED ihren Leitzins bereits wieder massiv gesenkt. In Europa steht diese Maßnahme noch aus. Interessantes Störfeuer kam in diesem Zusammenhang aus Karlsruhe, wonach das Bundesverfassungsgericht die Anleihekäufe der EZB für teils verfassungswidrig hielt. Da dieses Zeichen für Politiker zur Unzeit kam, war es nur eine Frage der Zeit, wann man hier zu einer Einigung kommt. Der entsprechende Antrag wird im Bundestag demnächst verabschiedet.

Die Realität gemessen an der aktuellen Lage der Wirtschaft des ZEW (Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung) sieht z.Zt. verheerend aus. Auch das bekanntere ifo Institut rechnet für Deutschland mit einem BIP Rückgang in 2020 von -6,7%. Die gute Nachricht: 2021 soll sich die Wirtschaft demnach wieder um 6,4% erholen. Die aktuellen Divergenzen zwischen Lage und Stimmung in der Wirtschaft sind so hoch wie noch nie (Grafik 2). Dies erklärt auch den enormen Anstieg der Aktienmärkte in den letzten drei Monaten. Die Marktteilnehmer handeln immer die Zukunft und selten die Gegenwart. Und in diesen Zusammenhang passt einfach die immense Liquidität, die u.a. durch EZB und FED ins System gepumpt werden. Diese kommt aktuell weniger in der realen Wirtschaft als in den Kapitalmärkten an. Und da Zinsen so für noch längere Zeit keine Rolle spielen, bleiben reale Assets wie Aktien oder Gold alternativlos.

Neben Corona stehen in der zweiten Jahreshälfte andere wirtschaftlich und politisch spannenden Themen auf der Agenda. Die Wahl des nächsten US Präsidenten findet im November diesen Jahres statt. Eine Wiederwahl von Donald Trump hätte vor Corona die Börsen beflügelt. Durch die Pandemie und die damit ausgelösten Notenbank Mechanismen hat der Trump Effekt an den Aktienmärkten vermutlich abgenommen. Das gesamte Ereignis wird daher eher auf politischer Ebene spannend.
Darüber hinaus wird die Kapitalmärkte natürlich auch die Entwicklung eines Impfstoffes gegen COVID-19 beeinflussen. Europa scheint den Verlauf der Pandemie gut in den Griff zu bekommen. Die täglichen Fallzahlen der Neuerkrankungen sind stark gesunken und bleiben bis jetzt auch auf diesem Niveau. Dies sieht in anderen Ländern, allem voran den USA anders aus. Die Sorge vor einer weiteren Coronawelle bleibt groß. Dennoch gehen wir davon aus, dass ein gewisser Lerneffekt im Umgang mit der Pandemie eingesetzt hat. Örtliche und nicht flächendeckende Lockdowns belasten die Wirtschaft viel geringer. Dies dürfte auch die Börse spüren.

Ausblick: Zinsseitig (Grafik 3) erwarten wir keine großen Veränderungen. Für Deutschland bleibt es dabei, dass die gesamte Zinsstrukturkurve bis 30 Jahre Restlaufzeit aktuell unter Wasser liegt (also im negativen Bereich rentiert). Seitens der EZB ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann auch hier weitere Zinssenkungen folgen. Die Zinsspirale nach unten wurde durch Corona damit wieder ein gutes Stück weiter gedreht. Ein Weg zurück zu steigenden Zinsen ist so in noch weitere Ferne gerückt.

Auf der Aktienseite wurde dem Markt im letzten Quartal eine Menge Vorschusslorbeeren spendiert. Gerade im Juni hat die Aufwärtsdynamik merklich nachgelassen. Zur Zeit bewegt sich der DAX entlang seiner 200 Tage Linie und der unteren Begrenzung des Aufwärtstrendkanals. Schlechte Halbjahreszahlen der Unternehmen sollten eigentlich eingepreist sein. Entscheidend wird sein, ob wir im 3. Quartal den leichten konjunkturellen Aufwärtstrend bestätigen können und wir keinen zweiten Lockdown bekommen. Diese Unsicherheit wird weiter für kurzfristige Schwankungen sorgen und kann durchaus nochmal zu Kurskorrekturen zwischen 10 und 15% führen. Dem gegenüber steht die extrem hohe Liquidität, die seitens der Notenbanken zur Verfügung gestellt wird, der unbändige Wille der Industrienationen über Konjunkturprogramme die Wirtschaft wieder anzukurbeln und notfalls, sofern es nicht ausreicht, weiter nachzulegen, sowie der fehlende Zins. Eigentlich ein Schlaraffenland für einen Börsianer, wenn man die kurzfristigen Unsicherheiten ausklammert. Auf Sicht von 12 -18 Monaten sind mit diesen Rahmenbedingungen sogar neue Höchstkurse bei Aktien wieder möglich. Wir gehen daher weiterhin von bewegten Aktienmärkten aus, in denen weniger reale Wirtschaftszahlen eine kurstreibende Rolle spielen als Ankündigungen und Maßnahmen der Notenbanken. – die neue Normalität eben…

RenditeRisiko (Grafik 1)

ZEW (Grafik 2)

Rendite (Grafik 3)

Getagged mit: , , , , , , , , , , , , ,